Die optimale Vorbereitung aufs Studio

22.10.2017

 

Der Termin für die Studiosession steht, die Songs sitzen. Eigentlich muss man nur noch hinfahren und loslegen, oder? Nicht ganz. Damit der Studioaufenthalt möglichst produktiv wird und ihr euch voll und ganz auf euer Schaffen konzentrieren könnt, solltet ihr im Vorfeld ein paar Dinge beherzigen und euch bestmöglich vorbereiten. Dieser Guide dient als eine Art Checkliste und hilft euch dabei, den Überblick zu behalten.

Proben und Vorproduktion

Sitzt wirklich alles auf den Punkt? Oder geht vielleicht das eine oder andere Detail in der Proberaumakustik und der Probelautstärke unter? Ihr werdet im Studio eure Titel vermutlich so detailliert hören wie nie zuvor und es ist nicht unwahrscheinlich, dass dabei das eine oder andere Problem am Arrangement oder der Spielweise ans Tageslicht kommt. Deshalb lohnt es sich, die Songs im Vorfeld mal auseinanderzunehmen und Stück für Stück wieder zusammenzusetzen. Im folgenden findet ihr Fragen aufgelistet, die die ihr euch dabei stellen könnt:

Angefangen bei den Drums:

  • Passen Groove und Feeling zu hundert Prozent zum Song?
  • Sind alle Fills wirklich sinnvoll und perfekt spielbar?
  • Würde etwas mehr Luft und eine geradlinigere Spielweise an manchen Stellen dem Arrangement gut tun?
  • Und in Studiosituationen mit das wichtigste überhaupt: Die Becken-Kessel-Balance. Die Mehrzahl der eher unerfahrenen Drummer spielt ihre Becken zu laut und die Kessel zu leise. Gehörst du dazu? Um das herauszufinden, stellt am besten mal ein einzelnes Mikrofon ein paar Meter vor das Drumkit und nehmt euch beim Spielen auf. Haben Kick, Snare und Toms genügend Punch um sich in einem Mix durchzusetzen? Oder hört ihr hauptsächlich Becken und Hi-Hats und eher dünn klingende Kessel? Wie ist der Klang der Kessel? Es geht dabei nämlich nicht nur um Lautstärke. Eine laut und hart gespielte Trommel entfaltet ihren Klang ganz anders, als eine weich und leise gespielte. Im Gegensatz dazu klingt ein guter Beckensatz auch leise gespielt explosiv, klar, brillant und keinesfalls zu leise. Gute Drummer variieren zwar je nach Part ihre Gesamtlautstärke und -härte, aber das Verhältnis zwischen Becken und Kesseln passt immer und meist werden die Kessel auch bei ruhigen Parts lauter gespielt, als man denken könnte. Berücksichtigt man das nicht, klingt das Drumkit nicht nur im Raum unausgewogen, sondern lässt sich nachher auch sehr schwer mischen, da die lauten Becken auf sämtlichen anderen Drum-Mikrofonen stark zu hören sind, was die Bearbeitungsmöglichkeiten dieser einschränkt. Es lohnt sich aus diesem Grund auch auszuprobieren, wie hoch man Becken und Hi-Hats hängen kann, ohne Probleme beim Spielen zu bekommen. Je höher (und somit weiter weg von den anderen Mikrofonen), desto besser!

Als nächstes Bass, Rhythmusgitarren, u.ä.:

  • Passen die Anschlagsmuster zueinander und zum Groove der Drums? Allzu oft glauben alle, das gleiche zu spielen und schlagen aber doch unterschiedlich an. Im Studio hört man dann z.B. die berühmten Sätze: „Echt, die Eins ist vorgezogen? Ich spiel die immer auf den Punkt!“ Oder: „Wie, du achtelst da einfach durch?“
  • Bei Gitarren macht es auch einen großen Unterschied, ob man Down- oder Upstrokes spielt, also nach unten, oder oben anschlägt. Führt meine Spielweise wirklich zum gewünschten Klang, oder spiele ich z.B. den Wechselschlag nur aus Bequemlichkeit/Gewohnheit, statt der klanglich vielleicht differenzierteren, reinen Downstrokes?

Anschließend Keyboards, Synths, u.ä.:

  • Spielen alle etwas ähnliches in derselben Lage und verdecken sich dadurch gegenseitig?
  • Sollte man sich gegenseitig mehr Luft lassen, oder sollen bestimmte Elemente zu einem dichten Ganzen verschmelzen?
  • Gehen die Synths zu weit runter und maskieren den Bass?
  • Wie sieht es in den Mitten aus? Ist da immer Platz für Gitarren und Keys?
  • Passt der Rhythmus zum Groove der Drums?

Dann die Vocals:

  • Passt die Tonart zur Stimmlage des Sängers/der Sängerin? Stößt er/sie oben an die Grenzen, oder sollte man vielleicht sogar noch etwas höher gehen, weil die Stimme am druckvollsten und emotionalsten klingt, wenn er/sie etwas kämpfen muss?
  • Hat die Stimme genug Platz im Arrangement? Soll sie klar über den Instrumenten stehen und immer deutlich verständlich sein, oder soll sie eingebettet und durch bestimmte andere Elemente unterstützt werden?
  • Passt die Stimmung der Parts zu den Lyrics? Werden beim Zuhörer die gewünschten Emotionen geweckt?

Und schließlich das Arrangement als Ganzes:

  • Funktionieren alle Übergänge? Wirken die ruhigen Parts ruhig und die klingen die großen Parts wirklich groß? Muss man vielleicht einen Part minimaler und leiser halten, damit der nächste umso größer und lauter erscheint? –
  • Passt das Tempo?
  • Ist das Arrangement insgesamt zu dicht? Müssen immer alle Instrumente in jedem Part spielen?
  • Macht es Sinn, während des spektakulären Syhntiesolos noch eine Leadgitarre und drei komplizierte Drumfills einzubauen, oder lenkt das nur vom Wesentlichen ab?
  • Wäre es vielleicht interessanter, in der zweiten Strophe ein neues Element einzubauen um sie ein wenig von der ersten abzuheben? Bleibt der Hörer von vorne bis hinten dran, oder schaltet er irgendwann ab, weil sich zu vieles exakt wiederholt?
  • Macht es Sinn mit Metronom aufzunehmen, oder leben die Songs von natürlichen Temposchwankungen? Wenn Metronom, sind wir darauf ausreichend vorbereitet und können absolut sicher auf den Punkt spielen?
  • Wird es eine Liveaufnahme oder Overdubs? Wenn Overdubs, brauchen wir zur Orientierung Guide Tracks der anderen Instrumente? Wenn Guide Tracks, sollten wir die vorher selber aufnehmen, oder machen wir das im Studio?

Um Antworten auf all diese Fragen zu finden, kann es sehr hilfreich sein, zwischendurch in kleinen Gruppen zu proben, statt alle zusammen. Das heißt, z.B. Drums und Bass spielen alles mal nur zu zweit durch, genauso die Gitarren, Synths, usw. Dann kann man Elemente, die besonders zusammen funktionieren, oder sich nicht ins Gehege kommen sollen, genau aufeinander abstimmen.

Und schließlich sollte man alles, was man mühsam ausgearbeitet hat, in Form einer ganz einfachen Vorproduktion festhalten und aus der Sicht des Hörers beurteilen. Dazu kann ein einziges Mikrofon, oder ein Stereo-Fieldrecorder im Proberaum aufgestellt schon reichen. Besser analysieren lässt sich natürlich ein Mehrspurmitschnitt. Kostenlose Software wie Garage Band, Audacity o.ä., ein günstiges Interface und ein paar preiswerte Mikrofone reichen dafür völlig aus.

Die finale Fassung dieser Vorproduktion solltet ihr dann zusammen mit Anmerkungen (Tempo und Tonart der Songs, Metronom ja/nein, Guide Tracks ja/nein), persönlichen Soundvorstellungen und evtl. ein paar Referenztracks auch eurem Produzenten und/oder Recording Engineer zukommen lassen, so dass zu Beginn der eigentlichen Produktion alle Beteiligten das Songmaterial kennen und im Idealfall bereits ein grober Plan zur bestmöglichen klanglichen Umsetzung des Ganzen steht.

Das Equipment:

Ihr habt höchstwahrscheinlich eure eigenen Instrumente und Amps, kennt deren Klang und wollt diese auch zur Aufnahme verwenden. Das ist verständlich und auch gut so, schließlich soll euer eigener Sound möglichst authentisch eingefangen werden.

Trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob die eigenen klanglichen Vorstellungen damit auch tatsächlich optimal erreicht werden können. Vielleicht wäre ein bestimmter Verstärker, Synth, oder Beckensatz dafür eigentlich besser geeignet, als der eigene. Klärt diese Dinge deshalb am Besten im Vorfeld mit allen technisch Beteiligten ab! Ein erfahrener Produzent oder Engineer weiß genau, welches Equipment sich für euren Sound am besten eignet und kann euch dahingehend beraten.

Es ist sehr ärgerlich, wenn einem gleich zu Beginn der Session erklärt wird, dass mit dem mitgebrachten Equipment das gewünschte Ergebnis nicht erreicht werden kann. Fragt auch unbedingt beim gebuchten Studio nach, ob dort Instrumente zur Verfügung stehen! Falls nicht, kann das Wunsch-Equipment meist auch günstig hinzugeliehen werden. Der ansonsten unbezahlbare Traum-Verstärker wird so plötzlich greifbar und kann für die Session genutzt werden.

Das eigene Equipment, das ihr mitbringt, sollte natürlich in einem einwandfreien Zustand sein. Neue Saiten auf Gitarren und Bässen sind ein Muss, solange nicht der dumpfe, undifferenzierte Sound von alten Saiten als Stilmittel, oder Effekt gewollt ist. Das gleiche gilt für die Felle der Drums. Und neu, heißt hier wirklich neu! Zieht die Felle und Saiten am besten am Tag vor der Session auf, dehnt und stimmt sie (Saiten), bzw. zentriert sie sauber und stimmt sie grob durch (Felle). Das Feintuning der Drums müsst ihr ohnehin im Studio machen, aber die Felle sollten sich über Nacht soweit gesetzt haben, so dass sie ihre Stimmung während der Session auch halten. Auch Saiten und Felle, die nur kurz im Einsatz waren, sollten durch neue ersetzt werden, da sie bereits nach kurzer Zeit vor allem an Attack und Frische verlieren und sich zunehmend schwieriger stimmen lassen. Das mag im Proberaum nicht wirklich auffallen, aber im Studio wird das schnell zum Problem und erhöht den Aufwand unter Umständen enorm. Wenn ihr hier spart und vor Ort z.B. aus zeitlichen Gründen nichts mehr besorgt und geändert werden kann, geht ihr bereits einen sehr großen klanglichen Kompromiss ein, denn dieser Faktor hat mehr Einfluss auf den Sound, als beispielsweise die Mikrofonauswahl und alles, was der Engineer im Studio anstellt. Mit den Mitteln eines professionellen Studios kann man zwar vieles kaschieren, aber von vornherein problematische Klangquellen kann man kaum in etwas wirklich Großartiges verwandeln.

Solltet ihr bei der Wahl der richtigen Saiten und Felle unsicher sein, berät euch ein erfahrener Engineer ebenfalls gerne.

Außerdem sollten alle Instrumente sauber intonieren, bund- und oktavrein sein, die Saitenlage passen und elektrische Geräte störungsfrei funktionieren. Amps, Keyboards, oder Gitarren zum Fachmann zur Wartung zu bringen kostet nicht die Welt, verhindert unangenehme Überraschungen im Sudio und lässt einen beruhigt in die Session gehen.

Die Drums solltet ihr auf störende Geräusche überprüfen (Knarzender Hocker, quietschende Fußmaschine, rasselnde Schrauben an der Hardware). Beim Fellwechsel lohnt es sich, auch mal einen Blick auf die Gratungen und in die Kessel zu werfen, Staub, Holzspäne, etc. zu entfernen und auch innen alle Schrauben zu überprüfen. Bemerkt man einen rasselnden Störenfried erst später, müssen die Felle wieder runter. Sehr ärgerlich.

Kommunikation und Organisation

Für eine stressfreie Zusammenarbeit und einen reibungslosen Ablauf ist sehr wichtig, dass alles im Vorfeld genau mit allen Beteiligten abgesprochen ist. Wenn ihr aufnehmt, wollt ihr kreativ sein, den Vibe genießen und euch nicht mit lästigen, organisatorischen Dingen beschäftigen müssen, deshalb macht euch am Besten gleich von Anfang an über folgendes Gedanken:

  • Das Budget muss festgelegt sein. Die Zahlungsmodalitäten müssen klar sein und eingehalten werden.
  • Eventuelle Deadlines müssen klar kommuniziert und verbindlich sein.
  • Das Zeitliche: Wann und wie lange kann aufgenommen werden? Welche Uhrzeiten und wie viele Stunden pro Tag? Existiert ein Zeitplan, damit wir uns nicht verzetteln? Falls wir länger brauchen, besteht die Möglichkeit, Stunden dazu zu buchen und zu welchem Preis?
  • Die Beteiligten (Produzent, Label, Recording Engineer, Mix Engineer, Mastering Engineer, Presswerk) sollten voneinander wissen und auf dem gleichen Stand bzgl. des Zeitplans sein.
  • Wer ist der Produzent und trifft die künstlerischen Entscheidungen, bzw. hat das letzte Wort? Ist die Band der Produzent? Ist der Engineer „nur“ Engineer, oder auch Produzent? Wenn es außer der Band noch andere Produzenten gibt, werden diese für ihren künstlerischen Input später am Erlös beteiligt, oder einmalig bezahlt? Redet ein Label mit, oder hat die Band/der Produzent freie Hand?

Um das alles zu klären und zu koordinieren, solltet ihr einen unter euch als Ansprechpartner festlegen und dies allen Beteiligten mitteilen. So weiß jeder, an wen er sich wenden muss. Es kann ziemlich zeitraubend und langatmig werden, wenn man eine Frage an die e-Mail Adresse einer Band schickt und dann von drei Bandmitgliedern drei verschiedene Auskünfte zurückbekommt.
Werdet euch immer erst untereinander einig und wendet euch dann geschlossen über einen Ansprechpartner bei allen anderen!

Fazit:

Es gibt in der Tat einiges zu bedenken und zu planen, wenn man vorhat ins Tonstudio zu gehen und eine Platte zu produzieren. Aber auch, wenn das alles auf den ersten Blick nach viel Arbeit aussieht, erspart es euch am Ende eine Menge Zeit, Ärger und unter Umständen sogar Geld. Und was am Wichtigsten ist: Eure Platte ist euer Baby. Sie soll so gut wie möglich klingen, die Leute berühren, erfolgreich werden und euch auch nach Jahren noch stolz machen. Das ist nur möglich, wenn man bei der Produktion jederzeit mit Herz und Leidenschaft dabei ist und sich ohne Ablenkung in die kreative Arbeit stürzen kann. Ohne technische Probleme, unnötige Verzögerungen und organisatorische Schwierigkeiten, dafür aber mit guten Songs im Gepäck und einer jederzeit entspannten Stimmung wird der Studioaufenthalt zum Erlebnis und die Platte hoffentlich ein Hit!